Neue Zeitung Budapest

Groß gefeierte Jubiläen in der Hauptstadt der Banater Schwaben

Man spürte das freundliche Vibrieren einer Gemeinschaft...


Im Foto: Auftritt der Ungarndeutschen Kulturgruppe aus Sulk in der Temeswarer Philharmonie (I. F.)

Alle Wege führten nach Temeswar in Rumänien. Denn der Medienverein FunkForum und das Demokratische Forum der Deutschen im Banat hatten zu den Heimattagen der Banater Deutschen und dem Deutschsprachigen Medientag 2011 zwischen dem 17. und 19. Juni eingeladen. Festansprachen, Kulturprogramme, eine Buchvorstellung und Filmvorführungen standen auf dem Programm.

„Wie wird das Kind so Rumänisch lernen?“ fragt Ingrid Schiffer, die früher für das deutsche Programm bei Radio Temeswar gearbeitet hat, ihre ehemaligen Kolleginnen. Ihr zweieinhalb Jahre alter Sohn spricht nur Deutsch, denn sie und ihr rumänischer Mann sprechen mit dem Kind deutsch. Das Kind wächst komplett in einem deutschen Umfeld auf, nur die rumänische Schwiegermutter klagt, daß der Enkel sie nicht richtig verstehe. „Vielleicht im Kindergarten oder in der Schule“, sagen die Kolleginnen. „Okay, aber ich will ihn in eine deutsche Schule schicken“, erwidert Frau Schiffer.

„Ich bin Schwabe, aber spreche die Sprache nicht“ – so einen Satz hört man in Temeswar nicht. Zwar ist die deutsche Volksgruppe klein geworden, durch die massenhafte Auswanderung um die Wende, doch die Sprache und die Kultur sind erhaltengeblieben. Ihre Sprache, Traditionen und ihr Leben zeigten die Banater Schwaben am Wochenende.

Das Programm begann am Freitag im vollen Festsaal des deutschen Kulturzentrums und Altersheims Adam-Müller-Guttenbrunn (AMG)-Haus. Die Feier hat Radio Temeswar sogar live übertragen. Es gab diesmal doppelten Grund zum Feiern: das FunkForum – ein Verein, in dem deutsche Rundfunk-, Fernsehsendungen und Printjournalisten aus Rumänien, Ungarn und Serbien zusammenarbeiten – hat seinen 10. Geburtstag begangen, und die Deutsche Sendung in Temeswar wurde vor 55 Jahren gestartet. Wie bei jeder Feier in Rumänien gab es auch hier reichlich Festansprachen von Minderheitenpolitikern bis Mitgliedern. Alle unterstrichen die Wichtigkeit der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit der Medien. FunkForum hat seine neue Internetseite vorgestellt, sie ist das einzige Portal, das über das Leben der deutschen Minderheit aktuell, in moderner Form und multimedial berichtet (http://www.funkforum.net/). Für Unterhaltung sorgten Musiker sowie Schauspieler des Deutschen Staatstheaters Temeswar.

Unterhaltung stand im Mittelpunkt in einer viel gemütlicheren Atmosphäre. Sommerliche Wärme, der würzig-rauchige Duft von Bratwurst und Mititei (auch Mici genannt, geformte Stäbchen aus Hackfleisch und Gewürzen, auf Holzkohle gebraten), kühles, prickelndes Temeswarer Bier sowie Musik und Volkstanz sorgten für ein gemütliches Beisammensein am Ufer des Flusses Bega.

Weiter ging es am Samstag mit den Heimattagen der Banater Deutschen, und zwar mit der 10. Auflage. Das Fest findet abwechselnd in Ulm und im darauffolgenden Jahr in Temeswar statt. Da treffen sich die ausgewanderten und im Banat gebliebenen Deutschen. In der Oper von Temeswar gab es zwei Stunden lang Reden, Festansprachen und Verleihung von Preisen. Am Nachmittag sorgten Tanzgruppen – sogar ein Ensemble aus Sulk von der Schomodei –, Blaskapellen und Chöre für gute Stimmung. Noch ausgelassener war es am Abend beim Schwabenball im AMG-Haus. Eindeutiger Höhepunkt des Festivals war der Sonntag. Traditionell marschierten die Kulturgruppen und viele Trachtenpaare aus der Umgebung vom AMG-Haus zum Dom auf dem Dreifaltigkeitsplatz und dann zum Opernplatz.

Was nimmt von all dem ein Gast wahr? Weitaus mehr als nur eine bunte Kavalkade. Man spürt das freundliche Vibrieren einer Gemeinschaft, die zwar getrennt wurde, aber zusammengehört. Was sie verbindet, sind nicht nur die Sprache, Kultur, die Wurzeln, sondern, daß sie daran festhält.

 krz, Neue Zeitung, 24. Juni 2011
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