Banater Zeitung

Ein Leben mit elf Geschwistern

Blaue Augen, dunkelblondes Haar, charmantes Lächeln: Das ist Dana Dutcã (20). Ihren Zopf hat sie am Oberkopf zusammengebunden, ihr herzförmiges Gesicht strahlt. Dana trägt eine dunkelblaue Jeans mit Rissmodell, die abgetragen cool wirkt, ein schlichtes weißes Shirt, eine transparente, kurzärmlige Bluse mit feinem Blumenmuster und legere Flip-Flops. „Wollt ihr den Wellensittich sehen?“, fragt sie die beiden Mädchen, die zusammen mit ihrer Mutter vom naheliegenden Frauenhaus zu Besuch gekommen sind, und zwinkert ihnen wie eine Komplizin mit dem linken Auge zu. Schon hat sie ein Lächeln auf die Kindergesichter gezaubert. Sorgfältig nimmt sie den weißen Käfig, in dem ein weiß-blauer Papagei schreiend herumfliegt, vom Schrank herunter. Die Kinder halten den Atem an. „Wir tun ihn lieber zurück, denn er ist sehr erschrocken“, sagt Dana, während der Vogel verzweifelt hin und her fliegt und mit den Flügeln gegen den Käfig schlägt. Die beiden Mädchen sind sofort einverstanden.

Dass sich Dana Dutcã am besten unter Kindern fühlt, ist nicht zu übersehen. Dass sich auch die Kinder in ihrem Beisein pudelwohl fühlen, ist ebenfalls offensichtlich. Dana ist mit elf Geschwistern groß geworden, die eigentlich nicht ihre leiblichen Geschwister sind. Dana Dutcãs Zuhause ist das Kinderheim „Mutter-Kind“ im Freidorf-Viertel aus Temeswar.

Der neue Bau sorgt für bessere Lebensqualität

Kreissägen und Dieselmotoren kreischen, Bohr- und Meißelhämmer klopfen nervös, die Bauarbeiter schwitzen. „Ich musste wegen dem Lärm um halb neun aufstehen. Und das in den Ferien“, sagt Dana mit einem Hauch von Scherz in ihrer Stimme. Der Baustellenlärm ist eigentlich ein gutes Zeichen, denn hinter dem jetzigen Gebäude des Kinderheims der Caritas Temeswar entsteht ein neuer Bau. Das Fundament steht bereits, noch in diesem Jahr soll der Rohbau fertiggestellt werden. Falls die nötige Finanzierung vorhanden ist, wird im nächsten Jahr das neue Gebäude in Betrieb genommen. „Auf ungefähr 250 Quadratmetern werden insgesamt acht Zimmer angebaut. Es geht uns darum, die Lebensqualität der Kinder zu erhöhen, denn es mangelt an Platz. Unsere Kinder sind zur Zeit zu dritt in einem Zimmer untergebracht“, sagt Herbert Grün, Geschäftsführer der Caritas Temeswar.


Caritas-Geschäftsführer Herbert Grün kennt alle Kinder aus dem Kinderheim. Einen guten Rat hat er für sie immer auf Lager.

Das Kinderheim in Freidorf wurde im Jahr 1998 eröffnet. Das Ausbauprojekt finanziert sich über Spenden aus Deutschland. Die Pfarrei Ebensfeld stellte als erste 30.000 Euro zur Verfügung, eine Organisation aus Deutschland spendete 60.000 Euro und Renovabis unterstützt das Projekt mit weiteren 75.000 Euro.

Das Kinderheim „Mutter-Kind“ der Caritas Temeswar wird ausgebaut.

Strenge Ordnung herrscht in den Räumlichkeiten des Kinderheims. Alle Betten sind gemacht, die Teddys, Puppen und Kissen sorgfältig auf die Decken gesetzt worden. Die Kinder halten das Haus sauber, so, wie sie es von den drei Benediktiner-Schwestern gelernt haben. Vormittags sind sie alle in der Schule. „Zur Zeit haben wir zwei Mädchen- und zwei Jungenzimmer“, sagt Herbert Grün. Im neuen Bau sollen die jüngsten Kinder untergebracht werden, die Jugendlichen, die das 18. Lebensjahr erreicht haben, bleiben im alten Gebäude.

Der Altersunterschied war ein Faktor, der zur Erkenntnis führte, dass neue Unterkunftsmöglichkeiten notwendig waren. Zur Zeit umfasst das Kinderheim vier kleine Schlafzimmer, drei Sanitärräume, ein Wohnzimmer, ein Lernzimmer, eine Küche, einen Esssaal und einen Gebetsraum. Man erkennt schnell, welche Schlafräume den Mädchen und welche den Jungs gehören. Bei den Mädchen hängen bunte Damentäschchen an den Bettkanten, bei den Jungs steht mit fetten Buchstaben „Commando Viola“ über den Betten geschrieben.

Auch wenn die Jungs aus dem Freidorfer Kinderheim nicht immer zu den Poli-Spielen dürfen, bleiben sie überzeugte Fans der Herzensmannschaft aller Temeswarer. Das Poli-Wappen hat Marian gemalt.

Alle Jungs sind große Fußballfans und Unterstützer der Temeswarer Fußballmannschaft Poli. Der 15-jährige Marian hat über seinem Hochbett ein riesiges Poli-Wappen gemalt. Darüber hängt ein weiß-violetter Schal mit symbolträchtiger Message: „Poli pentru to]i – To]i pentru Poli“. (deutsch: Poli für alle – alle für Poli) Neben den Betten haben die Kinder ihre eigenen Fotos auf die Wände geklebt, dort, wo andere Kinder die Fotos ihrer Idole befestigen. Einer der Jungs ist Papst-Fan.

 

Ausbildung und Job sind selbstverständlich

Das Kinderheim „Mutter-Kind“ in der Ioan-Slavici-Straße sieht fast wie ein normales Familienhaus aus, nur, dass die Eltern fehlen. Dafür aber sind drei Betreuerinnen da. Die drei Nonnen aus der Kongregation der Benediktiner-Schwestern von der Göttlichen Vorsehung sind für die Kinder aus dem Kinderheim Mutter und Vater zugleich. Sie sorgen sich um sie, kochen für sie, unterstützen sie bei den Schulaufgaben und hören ihnen zu, wenn sie über ihre Sorgen und Ängste erzählen wollen. Die meisten Kinder haben ein Elternteil, wurden jedoch entweder ausgesetzt, oder sie haben die Verbindung zu Mutter oder Vater verloren. Alle kommen aus sehr armen Verhältnissen.

Dana Dutcãs Mutter lebt heute zusammen mit einem Mann in einem herabgekommenden Wohnwagen bei Dumbrãviþa. Dass sie ein Mädchen hat, hat sie nicht vergessen, denn ab und zu kommt sie zu Besuch. Dann bekommt auch sie eine warme Mahlzeit von den Schwestern. „Ich habe keine sehr enge Verbindung zu meiner Mutter“, gibt Dana offen zu.

Sie war elf, als sie im Kinderheim landete. Die Eltern hatten sich getrennt, der Vater war ein Alkoholiker. „Durch einen Freund aus Deutschland fand ich zu diesem Kinderheim“, sagt sie und ihre Augen lachen, denn es war wohl einer der glücklichsten Augenblicke in ihrem Leben. Am Anfang war es „schon komisch hier“, aber langsam gewöhnte sie sich an ihr neues Zuhause. Plötzlich die Anwesenheit von elf Geschwistern zu verkraften und mit ihnen klarzukommen, ist ganz bestimmt nicht leicht. Doch Danas Offenheit verhalf ihr dazu, sich schnell in die bunte Gesellschaft aus dem Kinderheim „Mutter-Kind“ zu integrieren. „Ich könnte hier ein Leben lang wohnen“, sagt Dana.

Dass Dana Dutc² (20) in einem Kinderheim aufgewachsen ist, merkt heute keiner. Sie wird ab dem 1. Oktober Pädagogik an der West-Universität in Temeswar studieren

Für sie ist es selbstverständlich, dass sie eine Ausbildung macht und einen Beruf erlernt. Ab dem 1. Oktober ist Dana offiziell Studentin. Die Absolventin des Henri-Coandã-Lyzeums hat im vergangenen Jahr ihre Abiturprüfung erfolgreich abgelegt und ging danach für ein Jahr nach Österreich, wo sie einen Freiwilligenaustausch mit Lehrausbildung abschloss. In einem Jugendzentrum und in einem Kinderheim war Dana in Österreich tätig, musste allein zurechtkommen und ihr Geld einteilen. Sie lernte vieles dazu und sogar die Sprache. Ab Oktober wird sie Pädagogik der Vor- und Grundschule an der West-Universität in Temeswar studieren. „Ich bin aufgeregt und gespannt, wie es sein wird“, sagt Dana. „Ich möchte Kindergärtnerin werden“, fügt sie hinzu und irgendwie überrascht das keinen. Eine eigene Familie gründen, steht auch im Plan, doch nicht, bevor ein fester Job und ein gesichertes Einkommen da sind. Der erste Schritt in Richtung Familie ist bereits getan. „ Ich habe einen Freund, mit dem ich mich sehr gut verstehe. Er ist auch in der Landesauswahl für Karate“, sagt Dana Dutcã stolz.

 Raluca Nelepcu, Temeswar, 22. September 2011
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