Banater Zeitung

aufBruch – Rumänien ringt mit Ceausescus Erbe

Zwischen Jana Hauschild und ihren Gesprächspartnern hätten Gitterstäbe stehen müssen. Vor mehr als 30 Jahren hätten Filip Teodorescu, Cristian Troncota, Vasile Mãlureanu und Maria Ilie der jungen Journalistin die Fragen gestellt. Zum Gruppenfoto wäre es am Ende der Diskussionen nicht gekommen. Heute sind die ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Mitglieder im Veteranenverband ACMRR-SRI. Der eingetragene Verein besteht aus ehemaligen Securitate-Offizieren und kann sich sogar mit dem eigenen Vereinsblatt rühmen.
10 Tage lang wurde recherchiert. Für die meisten Kursteilnehmer war Rumänien noch unbekannt. Foto: Privat

Konrad-Adenauer-Stipendiaten setzten sich mit Rumäniens Vergangenheit auseinander


Ihren Opfern sind sie keine Erklärung schuldig, finden Menschen wie Teodorescu. Jana Hauschilds Fragen klangen geradezu empörend für die Ex-Offiziere. Der Stipendiatin  der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung ging es um die Wahrheit. Ein Problem für Teodorescu und seine Vereinskollegen deren Beruf früher darin bestand, gerade diese zu verdrehen. 

Bei Dominic Possochs Gesprächspartner wurde die Wahrheit eher übertrieben dargestellt.. Marius Oprea würde Teodorescu am liebsten hinter Gittern sehen. Der ehemalige Präsident und Gründer des Instituts für die Erforschung der Verbrechen des Kommunismus (IICCR) geht selten Kompromisse ein. Sein Kampf gegen Menschen wie Teodorescu ist ein persönlicher. Er macht die Securitate für den Tod seines Vaters verantwortlich, der während einer Hausdurchsuchung einen Herzinfarkt erlitt. Seit 2010 leitet Oprea seine eigene Nichtregierungsorganisation CICCR. Er und sein Team graben die Leichen der Personen aus, die durch die Securitate hingerichtet wurden. Die Täter können für die Morde nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, dafür aber können die Angehörigen der Opfer Ruhe finden. Über 200 Leichen hat Oprea inzwischen ausgegraben. Seine Arbeit hat ihm unter anderem den Spitznamen „Spaten-Oprea“ eingebracht. 

Faszinierende Menschen durften Jana Hauschild, Dominic Possoch und ihre Kollegen während ihres Besuchs in Bukarest kennenlernen. Die Stipendiaten von der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung befassten sich in einem zehntägigen Seminar mit Rumäniens Vergangenheitsbewältigung. Die Frage: Was wird unternommen? Stellte sich für die Studenten im nachhinein als eine schwierige dar.
Denn während Menschen wie Marius Oprea nach der Wahrheit graben, versuchen Menschen wie Filip Teodorescu diese zu begraben. „Auch im modernen Rumänien sind die unsichtbaren Kräfte, die versuchen, den Staatsapparat auszuhöhlen, immer noch stark,“ fasst Dominic seine Schlussfolgerungen zusammen. Für ihn steht fest: Vergangenheitsbewältigung in Rumänien bleibt ein ständiges Tauziehen. Seiner Meinung schließt sich auch Jana Hauschild und ihre 12 weiteren Kollegen an, die sich in dem zehntägigen Multimedia Praxiskurs „Europa -  Auf dem Weg in die Moderne“ mehr Fragen gestellt haben, als so mancher rumänische Journalist. 

Aufbruch statt ad acta


Die Medientrainerin Maria Grunwald leitete den zehntägigen Praxiskurs, dessen Schwerpunkt auf Multimediaanwendungen im Bereich Online-Journalimsus lag. Zwei Online-Spezialisten standen der erfahrenen Fernseh- und Rundfunkredakteurin zur Seite: der Deutsche Welle Trainer Steffen Leidel und der soukmagazine-Redakteur Marc Röhlig. Ziel des Praxiskurses war die Erstellung einer vollständigen Internetseite zum Thema „Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Rumänien“. Die Journalisten Akademie wurde vom Auslandsbüro der Konrad Adenauer Stiftung mit Sitz in Bukarest unterstützt. Eine Zielsetzung der Adenauer Stiftung in Rumänien ist die Förderung der Erinnerungskultur. Gemeinsam mit Institutionen wie die Gedenkstätte Sighet hat die KAS Bukarest schon zahlreiche Projekte zum Thema Kommunismus initiiert. Rumänien sei auf den guten Weg, meinte der Leiter des Auslandsbüros Dr. Holger Dix den Kursteilnehmer, während einer einstündigen Gesprächsrunde. In den fünf Jahren seitdem er in Rumänien ist, hat sich seit Bild über das Land geändert. „Es ist unglaublich, wie wenig wir darauf vorbereitet werden,“ gestand Dix, der sich auf das Schlimmste eingestellt hatte, bevor er nach Rumänien kam. 

Die neue Internetseite können Sie unter www.europamoderne.journalisten-akademie.com finden.

Mar Röhlig war für die Technik zuständig. Seine Aufgabe bestand darin die Seite aufzubauen und den Kursanten mit Flash Applikationen zu helfen. Röhlig selbst ist auch Stipendiat der Journalisten-Akademie und hat zusammen mit dem Redakteur Simon Kremer den CNN Journalist Award 2011 in der Kategorie „Online“ gewonnen. Sie erhielten den Preis für die interaktive Reportage „Die gleichzeitige Stadt“, die 2009 auf www.soukmagazine.de erschienen ist. 2011 erhielt auch das von ihm Mitgegründete „Souk-Magazin“ den Axel Springer Preis. Röhlig ist besonders im Nahost unterwegs und hat auch schon für Spiegel-Online geschrieben und dem Rheinischen Merkur. Er kennt sich mit Flash-Programmierung aus und baute auch für die Seite einzelne Applikationen, wie eine interaktive Zeittafel oder eine Videowand. 

Der Deutsche Welle Trainer Steffen Leidel war als Übungsleiter mit an Bord. Der Multimedia- und Onlinespezialist kam mit dem Aufbaukonzept für die Seite. In einem Einführungsseminar zeigte er anhand von Beispielen, wie sich der Online-Journalismus in den letzten Jahren entwickelt hat und wie sich das Medium von anderen tradionellen journalistischen Medien abgrenzt. Damit die angestrebte Seite auch Besucher anlocken sollte, wurde von den Teilnehmern verlangt, dass sie intermedial denken sollten. Statt langatmigen Artikel, lieber eine Fotoslideshow, statt einem gebauten Beitrag mit O-Tönen lieber nur kleine O-Tonschnipsel als Ergänzung zum Artikel, statt langen, geschriebenen Interviews, lieber eine Videowand. Jedoch nur solange der journalistische Anspruch nicht darunter litt. Leidel warnte vor interaktiven Spielereien, die inhaltlich wenig zum Thema beitragen konnten. Der Online-Journalist soll selektiv mit den eigenen Mitteln umgehen, die ihm zur Verfügung stehen und sich schon vorab die Frage stellen: Was will ich erreichen und was sind die Mittel die mir dafür zur Verfügung stehen? 

Jana Hauschild erhielt gemeinsam mit ihrem Kollegen Peter Jagla auch die Aufgabe, einen passenden Titel für ihr Online-Magazin zu finden. Um den passenden Titel wurde zwei Tage lang gestritten. Vorschläge wie „Schlussstrich“ oder „C.sur“ wurden schnell verworfen. Am Ende mussten sich die Journalisten zwischen „ad acta“ und „aufBruch“ entscheiden. Letzteres wurde der klare Favorit. „ad acta“ klang den Journalisten viel zu final.  Die Erfahrungen hatten inzwischen gezeigt, dass das Thema Aufarbeitung in Rumänien noch längst nicht zu den Akten gelegt worden ist. Erfahrungen, die die Journalisten besonders in den ersten fünf Tagen ihres Aufenthalts in Bukarest gemacht hatten. Dass Rumänien nicht schon längst das Handtuch geschmissen hat, bewiesen prominente Systemkritiker, die auch nach der Dezemberrevolution von 1989 sich für ein demokratisches Rumänien einsetzten und heute ihre Hoffnung besonders in die Bildung und Jugendarbeit setzen. 

Joggen mit der Securitate


Eines dieser prominenten Beispiele ist der gelernte Elektroingenieur Radu Filipescu, der in den härtesten Jahren der Ceau{escu-Diktatur Flugblätter in Bukarest verteilte. Heute leitet er zusammen mit seiner Frau ein kleines Unternehmen. Er gründete die Menschenrechtsorganisation APADOR-CH und den Verein für Revoluzzer ohne Rechte. Vor der Wende wurde Filipescu mehrmals verhaftet. Im Frühjahr 1983 wurde Filipescu von der Securitate das erste Mal erwischt und zu einer zehnjährigen Haftstraße verurteilt. Seine Haftstrafe wurde auf drei Jahre bewährt, als seine Geschichte durch Radio Free Europe im Westen bekannt wurde. 1995 veröffentlichte die deutsche Schriftstellerin Herma Kennel ein Buch über den Dissidenten Filipescu. Drei Jahre später erschien das Buch auch auf Rumänisch mit dem Titel „Joggen mit der Securitate“. Carmen Reichert, die Germanistik, Romanistik und Geschichtswissenschaften studiert, wollte ursprünglich einen Artikel über die jüdische Gemeinde aus Rumänien schreiben und ihr Leben zur Zeiten der Ceau{escu-Diktatur.  In Radu Filipescu fand sie jedoch eine faszinierende Gesprächsperson. Was sie besonders an Filipescu überraschte, war dessen Humor und wie offen und gelassen, das ehemalige Securitate-Opfer über seine Zeit im Gefängnis und die Jahre der Verfolgung sprechen kann. Dass die Securitate-Agenten ihm selbst beim Joggen verfolgten und mit ihm nicht Schritt halten konnten, schlichtweg absurd. Die Zeit, die er im Gefängnis verbrachte, bereut er keine Sekunde lang. 

Auch Kristina Chmelars Gesprächspartnerin erzählt von den schwersten Jahren in Ceau{escus Rumänien mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Dabei wurde Ana Blandiana für ihre Kinderbücher rund um die Uhr von der Geheimpolizei überwacht und terrorisiert. Ob Autos die tagelang vor dem Haus Blandianas standen oder Telefonanrufe in der Nacht, sie hat dieses Grauen hinter sich gelassen. Heute leitet Blandiana gemeinsam mit ihrem Mann ROmulus Rusan die Gedenkstätte Sighet, das rumänische Pendant zu Deutschlands Berlin-Hohenschönhausen. Seit 1995 wurde aus dem ehemaligen Securitate Gefängnis aus Sighet ein Museum über die kommunistischen Verbrechen in Rumänien.. Chmelar die tschechischer Abstammung ist, zog einen Vergleich zu dem tschechischen Schriftsteller Václav Havel, der von 1989 bis 1992 Präsident der Tschechoslowakei war. Eine politische Karriere wollte Ana Blandiana nicht einschlagen, obwohl sie in den 1990er Jahren durch die Nichtregierungsorganisation „Alian]a Civic²“ eine einflußreiche Gegenspielerin der damals führenden Neo-Kommunistischen Partei war. Zu einer starken Dissidenzbewegung, wie in anderen Ostblockstaaten ist es in Rumänien nie gekommen, schätzte Chmelar ein. Die meisten Intellektuellen in Rumänien haben immer einzeln versucht gegen das Regime vorzugehen.  Blandiana selbst hat auch nur einmal einen Versuch gestartet, der aber an einem Schriftstellerfreund scheiterte, der sich aus der Aktion zurückzog, ehe sie überhaupt begann. 

Überhaupt hat Rumänien zu Ceau{escus Zeiten meist andere Töne geschlagen, als die anderen kommunistischen Länder. Für Evgenij Haperskij ist die Lage in der Ukraine wesentlich schlimmer. Er arbeitete an einer Chronologie über Rumäniens jüngste Geschichte und zog auch Parallelen zu seinem Herkunftsland, wo auch heute noch rauhe Umstände herrschen. Die Dokumentation erarbeitete er sich zusammen mit Friedhelm Weinberg aus. 

Rumänien ringt mit der Vergangenheit


Spannende Menschen und spannende Geschichten stehen seit Ende letzter Woche offiziell im Netz unter www.europamoderne.journalisten-akademie.com. Es ist das Ergebnis eines zehntägigen Seminars. Das Endprodukt läßt es nicht vermuten. Neben dem Wikipedia-Eintrag, der Randnotiz in den Schulbüchern und dem Boulevardartikel mancher Tageszeitungen, können Interessenten nun auf eine neue, fundierte Quelle zurückgreifen, die verschiedenen Aspekte der Ceau{escu-Diktatur und der kommunistischen Ära in Rumänien widerspiegeln. „Rumänien macht es wie viele andere Länder: Erst Relikte abreißen, dann Denkmäler aufbauen. Irgendwo dazwischen geht die Wahrheit verloren.“ Summiert Marc Röhlig auf der Internetseite seinen Eindruck über Rumäniens Erinnerungskultur. 

 Robert Tari, Temeswar, 11.10.2011
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