Banater Zeitung

Wenn die Gitterstäbe stören

Über Innenhöfe an Maschendrahtzäunen und zwei Metalldetektoren vorbei führt mich der Weg in den Zellenblock der Popa-Sapca-Haftanstalt, wo bereits seit 15 Minuten der Unterricht angefangen hat. An den Kontrollen kommt man nur mit den nötigen Papieren vorbei. Ein nichteingeweihter Wachmann spielt auf hart. Am Ende scheitert es jedoch nur an einer Sicherheitstür.
Nur noch sechs Monate: Alin musste wegen Totschlags neun Jahre lang im Gefängnis sitzen. Foto: Robert Tari


Zum Unterricht auf der Popa Sapca


Über Innenhöfe an Maschendrahtzäunen und zwei Metalldetektoren vorbei führt mich der Weg in den Zellenblock der Popa-Sapca-Haftanstalt, wo bereits seit 15 Minuten der Unterricht angefangen hat. An den Kontrollen kommt man nur mit den nötigen Papieren vorbei. Ein nichteingeweihter Wachmann spielt auf hart. Am Ende scheitert es jedoch nur an einer Sicherheitstür. Der Schlüssel wird gesucht. Mit mir wartet ein Häftling, der auch spät dran ist. In seiner Hand ein zerfleddertes Diktando-Heft, dazu passend ein Einwegkugelschreiber. 

Stillschweigend harren wir vor der geschlossenen Tür aus. Der Wachmann sucht. Draußen herrscht eine fast meditative Stille. An der Idylle haben Hemden und Hosen teil, die auf den Gittermattenzaun zum trocknen gehängt wurden. Drinnen herrscht Hektik.  Die Gitterstäbe stören. Sie erinnern ständig daran, wo man sich befindet. Ohne würde der Zellentrakt wie ein Studentenwohnheim ausschauen. Die Insassen bewegen sich in diesem Teil der Haftanstalt frei. Die meisten sind nicht älter als 30. Schließlich eilt der Wachmann mit dem passenden Schlüssel und schließt auf. Der Klassenraum selbst erinnert an die Schulzeit. Eine alte, zerfledderte Rumänienkarte und Buchstabenkärtchen von A bis Z schmücken die sonst kargen Wände. Neu ist nur die Pylonen-Klappschiebetaffel, die Schlaufenschalen am Fenster versuchen den Raum aufzuhellen. Die Gitterstäbe stehen dafür ästhetisch im Weg. 

Die sieben Insassen reagieren auf meine Anwesenheit passiv. Geredet wird nicht. Weder unter einander, noch mit dem Lehrer. Sie sitzen den Rumänischunterricht aus. Keine Schulklingel schellt los, keine Witze werden gerissen. Es gibt klare Regeln. Aus der Reihe fallen, wird nicht geduldet. 

Von Legenden


Der Lehrer selbst, ein Mitte 20-jähriger junger Mann mit Vollbart und dicken Brillengläsern, wirkt teilnahmslos. Die Stimmung ist lakonisch. Die Aufgabe gilt: Von der Tafel eine Definition abschreiben. Es geht schwer. „Sie haben mir bei unserem ersten Treffen gesagt, dass viele von Ihnen seit 15 Jahren nicht mehr geschrieben haben,“ frischt der Lehrer das Gedächtnis der Anwesenden auf. Geantwortet wird darauf nicht. Es wird nur geschrieben. Zwei kommen nicht mit. In der ersten Stunde wird Literatur behandelt. Die Legende als literarische Gattung. Lehrstoff aus der fünften Klasse. In einer anderen Stunde wurde den Insassen bereits ein Beispieltext vorgelesen. Der Lehrer erinnert daran. „Die Legende von der Sonne und dem Mond“ steht über der Definition auf der Tafel groß geschrieben. Der Lehrer bleibt fachlich. „Legenden beinhalten auch phantastische Elemente,“ zählt er die Eigenschaften der Gattung auf. „ Ich habe Ihnen zum Beispiel von der Legende um [tefan den Großen erzählt. Es wurde behauptet, sein Blick hätte wilde Tiere zähmen können.“ Die Insassen schreiben unbeeindruckt weiter von der Tafel ab. Die Stimmung bleibt bedrückt. 


Das ABC mit 30 lernen: Buchstabenkärtchen schmücken die sonst kargen Wände. Foto: Robert Tari

Meine Gegenwart wird wahrgenommen. Flüchtig wirft jeder einmal einen Blick nach hinten zu mir. Ein Insasse aus der ersten Bank wischt die Tafel ab. Der Lehrer geht zum praktischen Teil über. Semantik. Er schreibt Beispielwörter aus dem Text an die Tafel. „Lassen Sie sich beim abschreiben Zeit,“ empfiehlt er den Häftlingen. Er schreibt das rumänische Wort „sufle]el“ (Deutsch: Seelchen) auf. Dazu wird „f²r² prihan²“ (Deutsch: aufrecht) ergänzt. Andere äquivalente Beispiele sollen die Insassen geben. Sie scheitern am Verständnis. „Wissen Sie was ‚sufle]el f²r² prihan²’ (Deutsch: Aufrechte Seele) bedeutet?“ Die Insassen bleiben stumm. „Es bedeutet: Eine von Sünden freie Seele,“ erklärt der Lehrer. „Wie könnte man es noch sagen?“ 
„Rein“ meint einer der Häftlinge. „Heilig“ fügt ein anderer hinzu. 

„Welchen Menschen wird diese Eigenschaft zugeschrieben?“ Möchte der Lehrer wissen. Es wird wieder still im Klassenzimmer. An den Gitterstäben vorbei dringt die Abendsonne in den kleinen Raum. Es ist 17 Uhr im Oktober. Auf der gegenüberliegenden Wand, wirkt das Muster des vergitterten Fensters, wie aufgebrannt. Der Lehrer wiederholt die Frage: „Wem wird diese Eigenschaft zugeschrieben?“ Das Schweigen dehnt sich aus. „Jesus,“ meint einer der Häftlinge zögerlich. „Ja, Jesus. Aber es muss sich um einen Menschen handeln,“ berichtigt der Lehrer. Erneutes Schweigen. Die Antwort weiß keiner der sieben Insassen. „Einem Kind. Kindern wird diese Eigenschaft zugeschrieben.“ 

Von Gitterstäben


Alin fragt mich, ob ich ihn nicht fotografieren möchte. In der Gefängnisbibliothek steht er Model. Der 28-jährige ist seit neun Jahren und drei Monaten im Gefängnis. „A{a dintr-o prostie“ sitzt er im Gefängnis, also aus einer Dummheit heraus. Mit 19 wurde er in eine Schlägerei verwickelt. Ein Mensch wurde getötet. Der Urteilsspruch: 14 Jahre Haft. Wegen guter Führung kommt er in sechs Monaten raus. „Ich bereue was ich getan habe,“ erklärt mir Alin. Er zählt die verlorene Zeit auf. Es fällt ihm schwer sich richtig zu artikulieren. Heiraten würde er gerne und eine Familie gründen. Er möchte ein normales Leben wieder aufnehmen und es diesmal richtig machen. Neben der Schulausbildung, die er im Gefängnis nachholt, arbeitet Alin und spart sich das Geld zusammen, um seine Familie unterstützen zu können. „Ich bin das siebte von neun Geschwistern,“ sagt Alin. „Meine Eltern hatten nie Geld.“ 

Dragos wurde vor kurzem aus der Haftanstalt Botosani in das Popa-Sapca-Gefängnis verlegt. Er muss wegen Drogenhandel fünf Jahre sitzen. Drago{ hat nur bis zur siebten Klasse gelernt. Nun möchte er seinen Abschluß machen.  Am Unterricht nimmt er nur teil, weil ihm für jedes abgeschlossene Schuljahr 30 Tage von seiner Haftstrafe bewährt werden. „Ich sage es offen. Andere würden es nicht zugeben, aber ich sage es wie es ist,“ meint Drago{. Sein Lieblingsfach ist Englisch. „Weil man Englisch immer braucht,“ erklärt er pragmatisch. Er mag die Stunden nicht, weil es oft Insassen gibt, die schwer mitkommen. Ob fünfte, sechste, siebte oder achte Klasse. Die Mittelstufen werden nicht getrennt behandelt. Statt dessen werden alle in einen Raum gebracht. 

Mittelstufen-Unterricht für Erwachsene


Ihre echten Namen möchte keiner Preis geben. Selbst der Lehrer nicht. Der 25-jährige Rumänischlehrer unterrichtet seit drei Jahren. Seit einem Jahr gibt er auch im Gefängnis Unterricht. Studiert hat er unter anderem auch Psychologie und Theologie. Ursprünglich hätte er Priester werden sollen, hat sich aber für den Lehrerberuf entschieden. „Das Niveau ist schwach,“ meint er. Selbst aus dem Stoff der Mittelstufe werden noch einmal die leichteren Themen herausgesucht. 

Für ihn ist es eine Muss-Frage um eine komplette Lehrernorm zu haben. Doch er gibt zu, dass es auch seine Vorteile hat, mit Erwachsenen zu arbeiten. „Sie sind zivilisierter und disziplinierter,“ erklärt der Lehrer. Normalerweise kommen zum Unterricht mehr als sieben Personen. „Heute ist Waschtag. Darum sind so wenige erschienen,“ sagt er. In der Regel sind es 10-30 Teilnehmer. Erfolgreicher ist die Gefängnisbibliothek. Die meisten Bücher wurden schon ein Paar mal durchgelesen. Ausgeliehen werden immer ein Paar Dutzend. Die meisten Bücher stammen aus Spenden. 

Am Ende geht es wieder zurück durch zwei Innenhöfe, vorbei an Hemden und Hosen, die sich auf dem Gittermattenzaun sonnen, durch zwei Metalldetektoren durch und einer letzten Kontrolle. Bilder vom Hof dürfen nicht mehr gemacht werden, dafür reicht meine Genehmigung nicht mehr aus. Es bleibt geradezu idyllisch. Man könnte es für was anderes halten, wenn die Gitterstäbe nicht ständig daran erinnern würden, dass ich auf Gefängnisbesuch war. 

 Robert Tari, Temeswar, 21.10.2011
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