Allgemein Deutsche Zeitung für Rumänien

ADZ-Interview mit Dr. Paul-Jürgen Porr, dem Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien

Dr. Paul-Jürgen Porr wurde Anfang März zum Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) gewählt. Mit dem neuen DFDR-Vorsitzenden sprach ADZ-Redakteurin Hannelore Baier.



Dr. Paul-Jürgen Porr wurde Anfang März zum Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) gewählt. Eine Neuwahl des Landesvorsitzenden war notwendig, nachdem Klaus Johannis nach 11 Jahren im Amt infolge seiner Wahl zum ersten stellvertretenden Vorsitzenden der Nationalliberalen Partei (PNL) sein Mandat als DFDR-Vorsitzender niedergelegt hatte. Dr. Porr war zuvor der Vorsitzende des Siebenbürgenforums und einer der stellvertretenden Landesvorsitzenden gewesen. Paul-Jürgen Porr, 1951 in Mediasch geboren, absolvierte 1978 die Fakultät für Medizin in Klausenburg/Cluj-Napoca und war dort bis 2006 als Forscher und Arzt sowie u. a. als Leiter der Medizinischen Klinik III tätig. Seither ist er Dozent an der Fakultät für Medizin und Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin im Hermannstädter Universitätsklinikum. Dr. Porr gehört zu den Gründungsmitgliedern des Forums in Klausenburg und war bis 1995 dessen Vorsitzender. Seither ist er der Vorsitzende des Siebenbürgenforums gewesen und vertritt das DFDR seit 2008 auch im Kreisrat von Hermannstadt/Sibiu. Mit dem neuen DFDR-Vorsitzenden sprach ADZ-Redakteurin Hannelore Baier.

Sie leben nun seit 2006 in Hermannstadt, nachdem Sie vorher 30 Jahre in Klausenburg quasi in der rumäniendeutschen „Diaspora“ gewohnt haben. Welche Erfahrung haben Sie von dort mitgebracht für die Situation, in der sich die deutsche Minderheit heute befindet?

Klausenburg ist kosmopolitischer und dynamischer geprägt, auch durch die rund 100.000 Studenten. In Hermannstadt ist der Durchschnitt der Leute konservativer, dafür aber gibt es eine interethnische Toleranz, die es auch in Klausenburg gab, die in den 12 Jahren unter dem PRM-Bürgermeister Gheorghe Funar aber sehr gelitten hat. Die wesentlich entspanntere Atmosphäre macht die Forumsarbeit angenehmer, was ich auch während der Zeit feststellen konnte, als ich als Siebenbürgenforumsvorsitzender min-destens einmal im Monat in Hermannstadt war.

In Siebenbürgen hatten und haben wir kleinere und größere Foren und nicht nur die Deutschen in Klausenburg waren gewissermaßen in der Diaspora. In Hermannstadt und in den anderen Städten mit zahlreicher(er) deutscher Minderheit vor der Wende hat man das brüske Schrumpfen zu einer sehr kleinen Gemeinschaft viel schmerzhafter verspürt, während man das Kleinerwerden der deutschen Gemeinschaft in Klausenburg leichter verkraftet hat, weil der Rückgang viel weniger stark war. An Erfahrungen aus Klausenburg und aus der Tätigkeit des dortigen Forums bringe ich wohl die Offenheit und das Bemühen mit, für alle Alters- und Berufskategorien etwas bieten zu wollen. Ich habe dort gelernt, dass man sich behaupten kann, wenn man es will, und dass man auch als kleine Gruppe große Achtung erfährt, wenn man für seine Werte eintritt.

Nach der Wahl zum Vorsitzenden des DFDR erklärten Sie, Ihr Mandat stehe im Zeichen der Kontinuität. Würden Sie diesen Gedanken bitte ausführen?

Die Leitlinien für das Programm und die Absichten des Deutschen Forums wurden bereits bei der Gründung im Dezember 1989/Januar 1990 aufgestellt und diese sind im Großen und Ganzen gültig geblieben. Wir sind die Interessenvertretung der deutschen Minderheit, für die Interessen unserer Gemeinschaft werden wir auch in Zukunft im In- und im Ausland einstehen und dabei die Beziehungen zu den Regierungsstellen aber auch zu anderen Gremien fortsetzen. Was die Kontakte zu den Parteien angeht, so wollen wir auch weiterhin politisch unabhängig bleiben – was nicht bedeutet, dass Mitglieder von Parteien dem Deutschen Forum nicht angehören können, aber nicht in Leitungsämtern.

In Wahlkampagnen werden Zweckallianzen eingegangen, um bessere Chancen für die Wahl unserer Vertreter in kommunale Strukturen zu haben, wir werden aber nie eine Allianz à la longue mit einer Partei eingehen, um politische Ämter zu erhalten. Wie die anderen Minderheitenverbände in Rumänien, so ist auch das Deutsche Forum darauf bedacht, gute Beziehungen nicht nur untereinander zu haben, sondern auch zu der jeweiligen Regierungspartei oder -koalition, weil es aus der Opposition heraus schwer ist, etwas für die Belange der Minderheitenorganisation zu erreichen. Das bedeutet nicht, dass wir chamäleonartig die Farbe wechseln, sondern im Gegenteil, wir bleiben konstant und wollen im konstruktivsten Sinn mitreden.

Zu den Prioritäten des Deutschen Forums gehören seit seiner Gründung die Bemühungen um den Erhalt des Kulturerbes und der deutschen Schulen, wodurch dann auch die deutsche Muttersprache bewahrt werden kann. Die deutsche Sprache ist aber auch für die Wirtschaft wichtig: Deutsche Investoren kommen nach Hermannstadt und Temeswar auch, weil dort Deutsch gesprochen wird, es in diesen Orten deutsche Schulen und ein deutschsprachiges Kulturleben gibt. Was das Sichern des deutschsprachigen Unterrichts angeht, so gibt es zurzeit ein aktuelles und sehr wichtiges Anliegen für mich, und zwar das Problem der deutschsprachigen Lehrerausbildung zu klären. Wenn diese nicht gesichert werden kann, haben wir in einigen Jahren noch weniger deutsch- sprechende Lehrer und in weiteren paar Jahren werden wir beginnen müssen, deutsche Schulen zu schließen, und das wollen wir auf keinen Fall.

Erwähnt hatten Sie auch die Kontinuität in den Beziehungen zu den ausgereisten Landsleuten …

Diese Beziehungen waren und sind gut. Auf der Ebene der Regionalforen wird mit der jeweiligen Landsmannschaft zusammengearbeitet – die mittlerweile zum Teil Verband heißen. Die Verbindungen zu der Föderation der Siebenbürger Sachsen waren nicht immer entspannt, selbst nachdem der Beitritt des Siebenbürgenforums unterzeichnet worden war. Ich habe aber immer gute Kontakte zu den jeweiligen Vorsitzenden gehabt und werde diese nun zu den Vorsitzenden aller Verbände der ausgereisten Rumäniendeutschen ausweiten und aufbauen.  

Sie waren am Gründonnerstag Gast bei den „Hermannstädter Gesprächen“, wo über die Zukunft der deutschen Minderheit gesprochen wurde. Da machten Sie den Unterschied zwischen Rumäniendeutschen und Deutschen in Rumänien …

Der Unterschied liegt im Ursprung. Die Rumäniendeutschen sind hier geboren und ihre Eltern und Großeltern auch, seit 1990 zogen nun aber auch Personen und Familien hierher, die in Deutschland oder Österreich geboren wurden, seit einiger Zeit hier leben und quasi eingebürgert sind. Ich meine also nicht die Leute, die zum Beispiel als Direktoren in einen Betrieb kommen mit einem Mandat, das sie erfüllen und nachher wieder ins Ursprungsland zurückkehren. Diese Personen sind im Forum auch gern gesehen als Gast.

Mit „Deutsche in Rumänien“ meine ich jene, die inzwischen vielleicht auch die rumänische Staatsbürgerschaft angenommen oder hier geheiratet haben. Die haben ihren Ursprung zwar nicht hier, leben aber nun mit uns zusammen. Um diese sollten wir uns als Deutsches Forum kümmern und für sie müsste sich das Forum öffnen. Da sehe ich keine Bedenken, weder von Seiten des BMI, noch aus der Optik der rumänischen Regierung, dass wir nicht mehr eine Interessenvertretung der deutschen Minderheit seien, wenn wir sie in unsere Reihen aufnehmen.   

Es gibt aber auch die „ethnischen“ Rumänen, die perfekt Deutsch sprechen, in der deutsch-sprachigen Gemeinschaft aufgewachsen sind ...

Bisher wurde es so gehandhabt, dass jedes Forum mit dergleichen Situationen umgeht, wie es dies für richtig hält. In Klausenburg haben wir 1990-1991 den Begriff „sympathisierendes“ Mitglied eingeführt für jene, die zu den Veranstaltungen kommen, Deutsch sprechen und aktiv mitmachen, aber nicht deutscher Herkunft sind. Der einzige Unterschied zu den „regulären“ Mitgliedern ist der, dass die Sympathisanten nicht wählen und gewählt werden dürfen, weil sonst das Risiko besteht, dass wir im eigenen Verband zur Minderheit werden. Inzwischen ist diese Regelung auf Landesebene allgemein akzeptiert.

Es wird immer wieder von der Brückenfunktion gesprochen, welche die deutsche Minderheit in den Beziehungen zwischen Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland wahrnimmt. Wie kann die stets schrumpfende Minderheit diese Funktion auch in Zukunft mit Leben erfüllen?

Bereits vor einigen Jahren habe ich gesagt, dass wir inzwischen so wenige sind, dass wir nur noch eine Katalysatorenfunktion wahrnehmen können. Das soll nun aber nicht hochtrabend klingen – in der Chemie erhöht der Katalysator die Reaktionsgeschwindigkeit – es soll also nicht heißen, ohne uns geht es nicht, sondern, dass wir auch in kleinen „Mengen“, also als zahlenmäßig kleine Minderheit etwas bewegen können. Das haben wir mehrfach versucht und das ist auch gelungen.

Das beste Beispiel ist Hermannstadt, wo eine Minderheit von rund 2000 Personen seit mehreren Jahren die Mehrheit im Stadtrat stellt. Das ist, meiner Ansicht nach, eine Sache für das Guiness Buch. Dass Johannis viermal zum Bürgermeister gewählt wurde, ist sein persönliches Verdienst und auf seine Leistungen und sein Charisma zurückzuführen. Dass aber in einer 140.000-Einwohner-Stadt mit knapp 2000 Deutschen über 60 Prozent der Bevölkerung die Vertreter dieser kleinen Minderheit wählen, ist sicher einmalig. Das meinte ich mit Katalysator, denn diese Stadträte bewegen einiges.

Und möglich ist eine solche „Reaktion“ auch auf Landesebene. Ein Beweis dafür ist der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Ganþ: In seiner Zeit als Mitglied im Europäischen Parlament, als der Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union hart diskutiert wurde, hat er in der CDU/CSU-Fraktion sehr viel bewirkt. Entscheidend für die Meinung einiger deutscher Politiker, die bis dahin gegen den EU-Beitritt Rumäniens waren, war die Reise auf Einladung von Ovidiu Ganþ durch Rumänien, bei der sie sich selbst überzeugen sollten, ob das Land europareif ist oder nicht. Ich habe die Delegation damals sowohl in Klausenburg als auch in Hermannstadt getroffen und lange Gespräche mit ihren Mitgliedern geführt, die sich beeindruckt zeigten von den Fortschritten, die sie in Rumänien zu sehen bekamen.        

Das Forum macht also einen Spagat zwischen Kulturverein und politischer Vertretung der Rumäniendeutschen …

Es gab Stimmen, die meinten, man solle zwei „Foren“ gründen – dies ist natürlich überspitzt ausgedrückt. In etwa nach dem Modell der „alten“ Saxonia-Stiftung, die für die Sozialfürsorge zuständig ist, und der „neuen“ für die Wirtschaftsprojekte, sollte es ein Forum für die politische Aktivität und Repräsentanz geben und ein anderes, das sich um das Kulturerbe, die Traditionen usw. bemüht. Ich persönlich halte von einer solchen Trennung nichts und sehe auch nicht, wie sie effizienter sein könnte. Erstens sind wir sowieso schon sehr wenige.

Aber selbst wenn man in beiden „Foren“ vertreten ist, würde eine solche Spaltung nichts bringen. Bei der Saxonia-Stiftung und den anderen forumsnahen Stiftungen war eine Trennung gemäß der Aufgaben nötig, weil es die Gesetzgebung forderte und die Stiftungen sich anpassen mussten, um auch die sozialen Aufgaben wahrnehmen zu können. Beim Forum, d. h. dem Interessenverband der deutschen Minderheit, sind wir aber nicht gezwungen, eine solche Teilung vorzunehmen und ich persönlich betrachte eine solche auch nicht als sinnvoll.

Link zum Zeitungsbeitrag online:
Interview mit Dr. Paul-Jürgen Porr

 Hannelore Baier, Hermannstadt, 10.04.2013
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