Radio Temeswar

Ein Sommer unter Deutschen in Rumänien – Mein Praktikum bei Radio Temeswar

Zwei Monate lang war ich nun Teil der Redaktion von Radio Temeswar. Ich habe viel dazugelernt, so manche Hürde überwunden und mit engagierten und sympatischen Menschen Bekanntschaft geschlossen. Eine unvergessliche Zeit geht nun zu Ende, doch eine ganz besondere Erfahrung bleibt – und das aus gleich mehreren Gründen. Ein Bericht.


 
Eher zufällig war ich nach Rumänien geraten. Auf der Suche nach einem journalistischen Praktikum im Ausland hatte ich mich an die Internationale Medienhilfe gewandt und gleich ein paar Vorschläge bekommen. Mit dabei: Radio Temeswar, Rumänien. Klingt spannend, dachte ich, da war ich noch nie - und schon war die Entscheidung gefallen, die Bewerbung verschickt und die Zusage bereits eine Stunde später in meinem Postfach. Das Abenteuer konnte also beginnen.

Das Erste, was ich feststellte, als ich Anfang August mein Praktikum bei Radio Temeswar begann, waren die Unterschiede zu deutschen Redaktionen in punkto Arbeitsweise und technische Voraussetzungen. Aus Deutschland war ich schalldichte Sprecherkabinen gewöhnt, hier wurde lediglich das Fenster geschlossen, um Beiträge direkt am Schreibtisch ins Mikrofon zu sprechen. Ich kannte es bisher, dass Nachrichtensprecher und Moderatoren getrennt voneinander arbeiten, hier war des Öfteren ein Redakteur beides in Personalunion. Während in Deutschland fast alles ein bisschen zu perfekt durchorganisiert war, setzte man hier eher auf Improvisation – Da wurde schonmal das Telefon als Aufnahmegerät und Kamera verwendet, ein Hintergrundrauschen durch die Klimaanlage in Kauf genommen und das ein oder andere Lied aus dem Internet heruntergeladen, wenn man es anderswo nicht finden konnte. 

Das Zweite, was ich feststellte: Es geht auch so! Während ich Radiomachen bisher mit Live-Druck, Hektik und Aktualitätsstress erlebt hatte, stieß ich hier auf eine Ruhe und Entspanntheit, die mir in einem Medienbetrieb bislang völlig fremd war. Faszinierenderweise entdeckte ich schnell, dass man auch mit viel Gelassenheit ein abwechslungsreiches und engagiertes Radioprogramm gestalten kann, was für mich eine unsagbar wertvolle Erfahrung darstellte. Besonders dankbar bin ich für die Möglichkeit, dass ich während meiner Zeit bei Radio Temeswar viel Verantwortung übernehmen konnte  und zahlreiche Aufgaben in Eigenverantwortung und komplett selbstständig umsetzen durfte. Ich hatte das Gefühl, dass mir in meiner Arbeit großes Vertrauen entgegen gebracht wurde. Die geringe Größe der Redaktion sorgte nicht nur für ein angenehmes und vertrautes Arbeitsklima, sondern auch dafür, dass ich eine Vielzahl an ernstzunehmenden Tätigkeiten übernehmen konnte. So fühlte mich schnell als ein vollwertiges Mitglied der Redaktion und auch der Anteil der „typischen Praktikantenaufgaben“ hielt sich in Grenzen.  

Bereits ab dem zweiten Tag erhielt ich die Aufgabe, die tägliche Presseschau zu produzieren, noch in der ersten Woche erhielt ich außerdem einen Auftrag für meinen ersten eigenen Beitrag und fuhr dafür am Wochenende gemeinsam mit meinem Redaktionskollegen Adrian Ardelean in den Grenzort Tschanad. Es folgten zahlreiche weitere Beiträge und Reportagen, Interviews und Nachrufe, Presseschauen und Recherchen. Meist erhielt ich lediglich ein grobes Thema und einen Sendetermin und war für Organisation und gesamte Umsetzung selbst zuständig. Bald wurde mir auch die wöchentliche Musiksendung anvertraut, bei denen ich nicht nur Thema und Musikstücke auswählen, sondern die Sendung im Anschluss auch moderieren durfte. 

Natürlich hatte ich auch ein paar „Praktikantenaufgaben“ zu erledigen, die hauptsächlich darin bestanden, Urheberrechte von gesendeten Musikstücken zu recherchieren und in eine Exel-Tabelle einzutragen. Das war eine weniger anspruchsvolle, wenn auch auf Dauer etwas anstrengende Aufgabe, doch da ich mir diese Aufgaben nach eigenem Ermessen über meine Praktikumszeit aufteilen konnte, konnte ich diese Arbeit gut verteilen, so dass sie im täglichen Arbeitspensum kaum ins Gewicht fiel. 

Müsste ich etwas an meinem Praktikum kritisieren, so würde ich höchstens nennen, dass ich mich ab und zu über etwas mehr inhaltliches Feedback zu meinen Beiträgen gefreut hätte. Manchmal wurden sie mir, wie ich fand, etwas zu bereitwillig abgenommen. Zwar hat es mir sehr gut gefallen, dass mir so viele verschiedene Aufgaben vertrauensvoll übergeben wurden, allerdings habe ich dadurch weniger aus der Erfahrung meiner Redaktionskollegen als durch Learning-by-doing gelernt. Doch das ist natürlich letzten Endes auch der Sinn eines Praktikums, den Redaktionsalltag als eine nicht gestellte Situation kennenzulernen und sein theoretisches Wissen in der Praxis zu erproben. Und dafür ist ein Praktikum in dieser Redaktion wirklich sehr gut geeignet! Hier hat man alle Möglichkeiten und Freiheiten, sich in einem angenehmen Arbeitsklima auszuprobieren und findet bei Fragen immer ein offenes Ohr bei den sympatischen Kollegen. Und schließlich bekommt man nicht nur eine Vorstellung von entspanntem Journalismus, sondern lernt von seinen Kollegen ganz nebenbei auch jede Menge über die rumänische Politik und die Kultur der deutschrumänischen Minderheit im Banat. 

Alles in allem kann ich ein Praktikum bei Radio Temeswar angehenden Journalisten unbedingt empfehlen. 

 Johanna Kiesler, Temeswar, 26. September 2014
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