Radio Temeswar

Kirchweihfest in Nitzkydorf - 230 Jahre Ortsbestehen

Die Temescher Gemeinde Nitzkydorf feierte diese Woche das 230-jährige Bestehen. Ein Symposium, Rundtischgespräche sowie ein Totengedenken fanden am Montag statt, am Dienstag wurde das Kirchweihfest nach der alten Dorftradition gefeiert und mit dabei waren mehr als ein Hundert Gäste aus dem In- und Ausland. Weltbekannt wurde die Ortschaft erst 2009, als die in Nitzkydorf geborene Herta Müller den Nobelpreis für Literatur gewann. Ihr Heimatdorf beschrieb die banaterdeutsche Schriftstellerin in ihrem ersten Buch Niederungen. Ein Beitrag von Adi Ardelean.

Die Ebene ist so flach, dass man den Eindruck hat, sie liegt unter sich selbst. (...) Das Dorf öffnet seine Falten, wie die schwäbischen Röcke der verstorbenen Frauen. (...) Man hat die Sonne mitten über den Kopf, man hat sie im Haar hängen und kommt nicht vorwärts im Gehen.
... so beschreibt die Banater Nobelpreisträgerin für Literatur Herta Müller ihren Geburtsort in ihrem ersten Band Niederungen. 230 Jahre ist es her, dass es die Banater Heideortschaft gibt. Die erste dokumentarisch festgehaltene Erwähnung des Ortes kann man im Schulmuseum bewundern, wie auch die ersten Aufsätze und die Bewertungen der Schülerin Herta Müller, die am 17. August 1953 in Nitzkydorf das Licht der Welt erblickte. Vor 30 Jahren, als die Ortschaft das 200-jährige Jubiläum feiern sollte, stand die deutsche Mehrheitsbevölkerung auf gepackten Koffern, um dem kommunistischen Regime Rumäniens zu entkommen. 25 Jahre nach der Wende kehrten in diesem Sommer die ehemaligen Nitzkydorfer zurück, um das Fest ihrer Kirche in der alten Heimat noch einmal zu feiern. 



Mit dabei war auch ein gebürtiger Perjamoscher aus dem engen Bekanntenkreis der Nitzkydorferin Herta Müller: Manfred Engelmann.

Nichtdestotrotz war das Kirchweihfest in der alten Heimat ein Anziehungspunkt für viele ehemalige Nitzkydorfer. Die Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft aus Deutschland Hella Gerber gemeinsam mit ihrem Ehemann Franz Gerber zogen sogar die Nitzkydorfer  Kerweihtracht an.

... und vorbereitet hat man sich darauf auch diesmal – auch wenn die Gegebenheiten nun mal anderst sind, als vor 30 Jahren. Zum Vortänzerpaar gesellten sich weitere 29 Trachtenpaare der deutschen Jugendtanzgruppen aus Temeswar, Busiasch und Warjasch. Das Kerwehfest begann mit einem zeremoniellen Teil. 

Vor dem Rathaus wurden die europäische, die rumänische und die deutsche Fahne gehisst und die Hymnen der beiden Länder aufgespielt.

Als Einladung zum Fest erhielten die Ehrengäste mit Rosmareinzweigen beschmückten Äpfel. Bürgermeister Ioan Mascovescu hieß alle ehemaligen Nitzkydorfer zu Hause willkommen.

Die jetzigen Bewohner von Nitzkydorf sind vorwiegend rumänisch-orthodox. Daher ging der Trachtenzug in Begleitung der banatschwäbischen Blaskapelle aus Augsburg vom Rathaus als erstes zur rumänischen Kirche, wo die Gäste von den orthodoxen Pfarrern der Gemeinde empfangen wurden. Das Grußwort sprach Pfarrer Sorin Ghilezan.

Von der rumänisch-orthodoxen Kirche ging es dann zur katholischen Kirche weiter mit Blasmusik und mit den Kerweihrufen der Jugendlichen.

Den Gottesdienst zelebrierte Ortspfarrer Szilárd Vodila aus Busiasch nebst Vertretern der Temeswarer Diözese.

Die musikalische Umrahmung des Gottesdienstes sicherten der Banater Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz und der Barithon Wilfried Michel – beide aus Deutschland.

Die Predigt sprach der Kanzleidirektor der römisch-katholischen Diözese Temeswar Nikola Lausch.

Für das anschießende Ave-Maria-Lied schloss sich der Vorsitzende des Deutschen Regionalforums Banat Johann Fernbach den Musikern mit seiner Violine an.

Am Ende des Gottesdienstes wurde der Kerweihstrauß gesegnet und die HOG-Vorsitzende Hella Gerber trug ein Kerweihgedicht vor.

Nach dem Gottesdienst wurde vor der Kirche eine Gedenktafel enthüllt und gesegnet. Darauf werden drei Mitglieder der Familie des Temeswarer Altbischofs Sebastian Kräuter verewigt, die alle aus Nitzkydorf stammen.

Danach wurden am Denkmal der Helden aus dem ersten Weltkrieg Kränze nieder gelegt.

Zu den Ehrengästen zählte der Beauftragte der Bundesdeutschen Regierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, der Abgeordnete im deutschen Bundestag Hartmuth Koschyk.

Das Programm ging im Hof des Kulturhauses weiter. Nach dem Aufmarsch der Trachtenpaare wurden die Kerweihsprüche gesprochen und die Ehrentänze getanzt. 

Die Gäste, die mit dem Strauß tanzten, erhielten als Andenken ein geschmücktes Rosmareinästchen. 

Vertreten auf höchstem Niveau war beim Fest die Landsmannschaft Banater Schwaben aus Deutschland duch ihren Vorsitzenden Peter Dietmar Leber.

Die Tanzgruppen Warjascher Spatzen und Banater Rosmarein boten im Hof des Kulturheims ein buntes Programm. Vor dem Kulturheim konnten die Gäste kegeln, undzwar nach Nitzkydorfer Art.

Zu gewinnen gab es einen Schafsbock. Verlost wurden traditionsgemäß Tuch und Hut. Die Gewinner wurden mit Blasmusik nach Hause begleitet. 

Damit klang ein schönes Fest der banater Schwaben aus. Am Ende hieß es „Bis bald auf Wiedersehn“, denn die Nitzkydorfer wollen auch in den kommen Jahren ihr Heimatdorf wieder besuchen. Und vielleicht findet eines Tages auch Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ihren Weg nach Hause zurück, um die Ehrenbürgerschaft ihres Geburtsortes entgegen zu nehmen.

Foto: der Verfasser

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 Adrian Ardelean, Nitzkydorf, 04.08.2015
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