Nachruf auf Elke Sabiel
„Machen Sie bitte keine Eintagsfliege aus Ihrer Veranstaltung und schon gar nicht eine dieser, na, wie sage ich das am besten, akademischen Nabelschauen” – hier macht die Sprecherin eine kurze Pause und schmunzelt mir verschmitzt zu, indem sie die Brauen kurz anhebt, als wolle sie mich eher aufmuntern als abkanzeln. „Das habe ich oft beobachtet”, setzt sie dann fort, „und ich denke, man sollte seine kreativen und wissenschaftlichen Fähigkeiten doch effizienter einsetzen, gerade im Bereich von Bildung und Entwicklung.” Ich bin sprachlos, fühle mich überrumpelt von der direkten, nüchternen und unterschwellig ironisch- herausfordernden Art meines Gegenübers: einer etwas zur Molligkeit neigenden Mittfünfzigerin, nicht ganz so hoch wie ich aber durchaus imposant, die dunkelblonden mit etwas Eisengrau gesträhnten Haare zur Pagenfrisur geschnitten, mit blaugrauen Augen, die je nach Kopf- und Körperhaltung manchmal einen dunklen Grundton zeigen und manchmal sehr hell erscheinen. Eine gewisse Ernsthaftigkeit und Strenge kennzeichnen das Gesicht, daran mir das Grübchen am Kinn besonders auffällt sowie die schmale Spalte zwischen den beiden oberen Schneidezähnen. Ich denke mir, dass sie sicher gut pfeifen kann dadurch und ich muss auch lächeln. Dann beginne ich zu stottern und mich zu erklären: „Nun ja, wissen Sie, es ist die erste Fachtagung, die ich veranstalte, nach dem Motto was andere können, kann ich sicher besser… Da können einem Pannen passieren wie etwa der dämliche Fehler im Programm gleich auf der ersten Seite, bedauerlich” (sie zieht wieder ihre Brauen hoch und schmunzelt) „…aber von akademischer Nabelschau oder gar Eintagsfliegentum kann in meinem Fall keine Rede sein. Da kennen Sie mich schlecht, Frau Sabiel!”
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Carmen Elisabeth PUCHIANU


